Weshalb das Internet Vorurteile verstärkt und nicht entkräftet

Wie jede neue Technologie hat auch das Internet einige Jahre, bzw. Jahrzehnte benötigt, um sich in unseren Leben einen festen Platz zu ergattern. Das Internet ermöglicht aufgrund seiner inhärenten Struktur die Umwälzung vieler Lebensbereiche und wird rückblickend als einer der vielen Technologiesprünge betrachtet werden – ähnlich wie die Eisenbahn, Elektrizität oder das Auto. Analog zu anderen Technologiesprüngen war die Etablierung des Internets von etlichen Heilsbotschaften begleitet. Die Heilsverheißungen des Internets besagten (unter anderem), dass nun bald jeder Mensch Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit haben wird, wodurch, so die hehre Idee, sie sich zum Besseren ändern wird. Eine nachvollziehbare Denkweise, liegt ihr doch eine wichtige Grundannahme des Menschen über den Menschen zugrunde.

Der Mensch ist logisch – logisch, oder?

Es scheint ein nicht angreifbares Axiom zu sein, dass der Mensch ein rational agierendes Wesen ist, das durch gedankenvolle Abwägung mehrere Argumentationspunkte ein Urteil fällt und dessen Allgemeingültigkeit für alle Zeit gelten wird. Diese Grundannahme wurde nicht nur durch die Arbeiten von Kahnemann und Tversky widerlegt, die dafür sogar mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurden. Es reicht bereits, ein scharfes Auge für seine Umgebung zu haben und es wird offensichtlich, dass Menschen in der Lage sind, rational zu handeln, es aber vorziehen, im Affekt zu reagieren.

Gemäß dieser vorherrschenden Logik war es unausweichlich, dass wir auf ein Jahrtausend der Glückseligkeit zusteuerten. Nun ist das neue Jahrtausend schon bald zwanzig Jahre alt und wir sind immernoch dieselben Menschen mit all unseren Fehlern und Eigenheiten geblieben. Das Internet hat uns nicht zu besseren Menschen werden lassen, aber der Mensch hat das Internet gemäß seiner Wesenszüge geformt. Es gibt Orte im Internet, an denen der Mensch rational diskutiert, jedoch ist ein nicht minder großer Anteil ein Raum für die weniger erstrebenswerten Neigungen geworden.

Die These des streng logischen Menschen gehört schon längst auf den Scheiterhaufen der wissenschaftlichen Annahmen. Die Idee, dass durch leichteren Zugang zu Informationen die Menschheit edler wird, hätte bereits im Vorfeld revidiert werden müssen. Schließlich gab es in den 90ern bereits flächendeckend Bibliotheken, Zeitungen, Radios sowie Fernseher und die Gesellschaft war mehr als bestens informiert. Dennoch war die Menschheit weit entfernt von einem ideellen Menschen, wie er von diversen Philosophen, Theologen oder Wissenschaftlern gewünscht wird.

Höhere Reichweite bedingt einfachere Inhalte

Die immer größere Reichweite der Medien hat aber einen immensen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung derselben. Immer, wenn ein neues Massenmedium entstanden ist, bewirkte dies zweierlei. Zum einen konnten nun größere Landstriche deutlich kostengünstiger mit Informationen versorgt werden. Andererseits stellte die Ausbreitung nun andere Anforderungen an den Inhalt dar. Auf dem ersten Blick erscheint es offensichtlich, dass eine Ausbreitung der Information erstrebenswert ist (s. oben). Um jedoch von dem Verkauf zu leben, müssen nun deutlich mehr Inhalte monetär umgesetzt werden, da die Produktionskosten für alle gleichzeitig fallen. Das bedeutet also, dass man die Inhalte so gestalten muss, dass sie vielen gefallen. War es vorher ökonomisch sinnvoll oder zumindest erwägbar, spezielle Inhalte zu erstellen, müssen Massenmedien den Geschmack der Masse treffen. Das kann man oftmals am besten erreichen, wenn man den Menschen bereits Bekanntes gibt. Denn für das menschliche Gehirn ist das Verdauen von bereits Bekanntem einfacher, als etwas Neues zu lernen. Denn etwas Neues lernen ist mit Anstrengungen verbunden und das versucht die Natur zu unterbinden.

Es könnte also sein, dass die immer größer werdende Reichweite genau den gegenteiligen Effekt hat, als man annimmt. Die Welt wird zwar theoretisch vielfältiger, aber inhaltlich neigt man dazu, auf bekannten Wegen zu wandern.

Stereotypzementierung durch das Internet

Das Internet hat eine Zäsur in der Informationshoheit bewirkt. War früher die Deutungshoheit bei den Redakteuren und Redakteurinnen hat nun jede und jeder die Möglichkeit, seiner Kreativität und Meinung im Internet freien Lauf zu lassen. Da dies nun aber jeder machen kann, bedeutet es auch, dass man oftmals lauter schreien muss, um gehört zu werden. Vermutlich einer der Gründe, weshalb die Feststelltaste so beliebt ist.

Meine Theorie ist, dass das Internet und vor allem Seiten wie reddit, 9gag oder andere Aggregatoren eher dazu beitragen, Vorurteile zu verfestigen als sie aufzubrechen. 

Die Idee hinter diesen Seiten fußt in der Schwarmintelligenz. Was viele Personen gut finden, sollte auch eine Bühne haben, um Gehör zu finden. Dieser meritokratische und basisdemokratische Ansatz funktioniert gut auf Papier, jedoch führt er dazu, dass die referenzierten Inhalte, eine Schwelle des Bekanntheitsgrades überschreiten müssen – et voilà: Man greife zu Stereotypen. Dies hat zur Folge, dass diese immer wieder auftauchen, wodurch ein Stereotyp zementierender Zyklus entsteht.

Das Internet ist teilweise genau das Gegenteil geworden, für das es augenscheinlich am besten geeignet ist. Es hat die Meinungen der Menschen und die Menschen selbst nicht grundlegend geändert, sondern neigt dazu, dieser immer weiter in Ihren derzeitigen Annahmen zu bestärken. Erst wenn man sich dieses Mechanismus bewusst ist, kann man neue Wege gehen und die Vielfalt nutzen.

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