Der Geist auf der Oberfläche

Es ist schon bald müßig, darüber zu reden, dass das Smartphone die Welt verändert hat und es auch weiterhin macht. Wie bei jeder technologischen Umwälzungen gibt es auch hier Unkenrufe, die all das Schlechte im Neuen hervorheben. Doch die Welt war schon immer im Wandel begriffen und wird es auch bleiben. Wenn genügend Zeit vergangen ist, kann man diese Beschwerden mit einem Schmunzeln quittieren.

Im Falle des Smartphones ist es jedoch anders, da die Folgen der Veränderung viel tiefgreifender sind.

Vor knapp über 10 Jahren gab es keine Möglichkeit, jeglichen Anflug von Langeweile durch einen schnellen Griff in die Hosentasche abzuwenden. Jetzt heißt es: Warten auf den Bus? Handy raus. Warten an der Supermarktkasse? Handy raus. Warten an der Ampel? Handy raus. Diese Art der permanenten Zerstreuung stört nicht nur unsere Konzentrationsfähigkeit und lässt uns zu Push-Notifikation-Junkies werden, sie führt auch dazu,  dass sich der menschliche Geist vom Körper entkoppelt.

Die permanente Zerstreuung erschwert es ungemein, innezuhalten und dem Kopf Freiraum zu geben. Nur in diesen entspannten Zuständen entsteht aber die Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken, sich selbst wahrzunehmen und neu zu strukturieren. Die Erfassung der Welt und Umwelt geschieht in diesem Fall egozentrisch. Wir betrachten unsere Umgebung und haben somit die Verständnishoheit über sie.

Die Wahrnehmungsänderung

Durch das Smartphone wird dieser Weg der Perzeption umgedreht. Nicht mehr wir erkennen die Welt und erklären Sie uns, sondern wir schauen nur noch auf eine leicht spiegelnde Oberfläche und nehmen vorverarbeitete Konzepte auf. Jemand anders hat sich bereits Gedanken gemacht, wie wir eine Information wahrnehmen und verarbeiten sollen und präsentiert sie uns dementsprechend. Hier kann natürlich eingeworfen werden, dass dies bei Zeitungen und dem Fernseher unwesentlich anders ist, aber die permanente Verfügbarkeit des Smartphone ändert alles. Zum einen ist Lesen ein deutlich aufwendiger Akt als Fernsehen oder auf ein Smartphone zu gucken (Dies ist einer der Gründe, weshalb diese Aktivität einer der besten Möglichkeiten ist, um FLOW zu erfahren), zum anderen ist der Fernseher an einen festen Ort gebunden, das Smartphone hingegen nicht.

Mir kommt es so vor, als befände sich unser Geist nicht mehr in unserem Kopf sondern in unserer Hand. Durch diese passive Haltung wirkt die Welt wie ein Buffet, von dem man sich einfach bedienen kann, anstelle eines Kochfelds, auf dem man nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Kreativität hat.

Die kreative Schöpfungsader des Menschen ist jetzt noch viel stärker unter Beschuss als sie vielleicht ohnehin schon immer war. Um sich der Analogie des Homo Oeconomicus zu bedienen: Die Menchen müssen vom homo consumendo wieder zu einem homo creando werden, auch wenn dies viel anstrengender ist.

Denn nur wer die Hoheit über seinen Geist hat, hat auch die Hoheit über die Wahrnehmung seiner äußeren Zustände.

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