Urlaub – oder das falsche Erholungskonzept

Die Temperaturen steigen, die Tage sind lang und allmählich rückt für die meisten Menschen der längste Zeitraum des Jahres näher, in dem sie endlich mal Zeit für sich haben werden. Kurz gesagt, der Jahresurlaub steht vor der Tür. Schnell werden noch alle möglichen Projekte angeschoben, Übergaben vorbereitet und die Abwesenheitsnotiz für die automatisierte Antwort hinterlegt:

Dear Sir or Madame,

I will be out office until the 20th August and will have limited access to my email. In urgent cases contact my colleague.

Please note your email will not be forwarded.

(Honestly though, I don’t care what happens for the next weeks)
Gut, das in den Klammern wird meist nur gedacht.

Bis zu drei Wochen am Stück frei! Da muss schon gut überlegen, was man mit soviel Zeit anstellen möchte, denn auch im Urlaub gilt: Zeit – und Nutzenoptimierung. Es gebe ja fast nicht Schlimmeres, als nach dem Urlaub wieder auf die Arbeit zu kommen und sagen zu müssen, dass das gebuchte Ferienhaus ein totaler Reinfall, oder dass das zwei Sterne Strandhotel noch zwei km vom Strand entfernt war und der eigene Nachwuchs dazu noch mit den Temperaturen nicht klar kam und einem auch im Urlaub keinen Schlaf gönnte. Denn es gilt der Imperativ, dass der Urlaub erholsam und auffrischend zu sein hat, damit man jetzt wieder voller Energie in die Arbeit steigen kann.

Die Frage, die sich hierbei jedoch stellt ist, ob diese Form der Erholung gut gewählt ist? Denn im Konzept von Urlaub schwingen mehrere Grundannahmen mit, die meiner Meinung nach diskussionswürdig sind.

Stress als Zeit- und Arbeitsdarhlehen des Körpers

Der Urlaub wirkt umso gegönnter je gestresster der Mensch vor Urlaubsantritt war. Am besten wird die Belastungsgrenze fast erreicht oder ist schon dezent überschritten, denn dann wurde der Körper an sein Maximum getrieben und kann jetzt versuchen, sich wieder aufzuladen. Schade nur, dass der Körper dann meist richtig in sich zusammensackt und sich die Erholungsphase samt horrender Zeitzinsen zurückholt.

Meine These ist, dass die Wirkung von Stress analog zum Konzept eines Dispokredits verstanden werden kann. Wenn für kurze Zeit hohe Energie und Leistung benötigt wird, ist der Körper gerne dazu bereit, einem zu helfen. Ähnlich wie in einer Bank, die einem trotz des Kontoüberzugs nicht gleich die Gerichtsvollzieher vor die Tür stellt. Sie weiß, dass sich das Konto wieder füllen wird. Wenn das Konto permanent im Soll bleibt, überlegt sich die Bank nochmal, ob die Option mit den Gerichtsvollziehern nicht doch valide ist. Wenn der Körper hingegen im permanenten Stress ist, dann kann er nur durch das Ziehen der Notbremse das Konto wieder füllen.

Diesem Argument folgend bedeutet es (überspitzt), dass man durch den Urlaub gar nicht wirklich ins Stresshaben kommt, sondern nur seinen Dispo tilgt und danach eventuell schon wieder anfängt, im Stresssoll zu leben. Die Arbeit müsste so gestaltet sein, dass sie zwar anspruchsvoll ist, denn Bore-out ist nicht viel besser als Burn-out, aber Urlaub sollte einem die Möglichkeit geben, sich tatsächlich nachhaltig zu erholen und nicht nur Schadensbegrenzung zu betreiben.

Vorausgesetzt man kommt tatsächlich zur Ruhe.

Urlaubsgentrifizierung und Statussymbol

Wenn es einem denn gegönnt ist, tatsächlich zur Ruhe zu kommen, dann muss der Urlaub aber schon besonders sein. Urlaub an der Ostsee und das, obwohl man noch nicht mal Kinder hat? No way!

Junge Deutsche verbringen Ihren Urlaub in Südostasien, Südamerika oder mittlerweile auch im Iran, da wo es entweder gut und günstig oder der Massentourismus noch nicht angekommen ist und man noch „authentisch“ die hiesige Kultur aufsaugen kann. Es reicht nicht, dass man sich einfach zu Hause in der Hängematte erholt. Mehrere tausend Meilen müssen zurückgelegt werden, um sich Klimabedingungen aussetzen, die man als Westeuropäer kaum aushält und die ersten Tage mit Montezumas Rache verbringen muss, da man das Essen nicht verträgt. Mir kommt es so vor, als wäre der Urlaub nicht primär zu Erholung, sondern vor allem zum Erlangen von Status da – in der internet-genehmen Währung von Likes und Shares.

Zumal auch noch die Ökologiekeule geschwungen und angeprangert werden kann, dass das massenweise Pilgern nach Südostasien der Umwelt schadet, das empfindliche Ökosystem durch zu viele Touristen stark beschädigt und die Infrastruktur dem Zusturm der Gäste nicht standhält.

Die Entwicklung des Tourismus folgt dabei ähnlichen Prinzipien wie denen der Gentrifizierung.

  1. Zuerst durchforsten die Individualtouristen die noch unbekannten Gebiete dieser Welt und kultivieren eine Sub-Kultur des hippen Reisens.
  2. Die Region wird immer bekannter und öffnet sich für eine breitere Besucherschicht.
  3. Durch den Tourismuszuwachs kommt Geld ins Land, Investoren wittern eine gute Anlage und nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten gibt es Bettenburgen und Massentourismus.
  4. Die Individualtouristen sind angewidert und die Karawane zieht weiter.
  5. Gehen Sie zurück zu Schritt 1

Eine Lesart dieses Phänomens ist, dass Individualtourismus den Weg für den Massentourismus ebnet. Aus dem ehrbaren Interesse an der Kultur wird irgendwann ein Partymeile. Somit bewirkt man mit wohlgemeinten Absichten eine entgegengesetzte Wirkung.

Arbeit und Leben neu denken – Urlaub abschaffen

Wenn der Urlaub nur dazu da ist, um sich für eine kurze Zeit auf den Normalzustand zu bringen und gleichzeitig versucht wird, sich via Fotos zu inszenieren, sollte das Konzept „Urlaub“ überdacht werden. Was nützt es, wenn man Zeit, Mühe und Geld aufbringt, nur um im Nachhinein für eine kurze Zeit entspannt gewesen zu sein? Die Umkehrung des Prinzips scheint viel schlüssiger.

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Anstelle nur im Urlaub auf der Hängematte zu liegen, empfehle ich, die Hängematte nach hause zu holen und dann den Urlaub sein zu lassen

Wie wäre es denn, wenn das Leben so organisiert wäre, dass der Urlaub abgeschafft werden könnte?

Für viele Menschen ist der mit jedem Tag näherkommende Urlaub der Leuchtturm, der sie durch den Arbeitsalltag leitet. Jeden Tag quälen sie sich aus dem Bett und kämpfen gegen Ihre innere Überzeugung an. Das ist purer Stress und verleitet einem dazu, nur auf die Zukunft zu blicken anstatt im Hier-und-Jetzt zu leben. Wenn die Arbeit so gestaltet wäre, dass sich die Abneigung ihr gegenüber verringert, eventuell sogar in eine Zuneigung umschlägt, dann empfinden die Menschen eine intrinsische Motivation. Natürlich wollen einige Arbeitgeber wollen diesen Effekt ausnutzen und leider scheint unsere Welt (derzeit) so konstruiert zu sein. Da ist es doch nur sinnig, zumindest mit einem guten Gefühl ausgenutzt zu werden und nicht unter dem Joch einer imaginären Peitsche zu leiden.

Für das eigene Wohlbefinden ist die intrinsische Motivation ein, wenn nicht sogar der ausschlaggebender Faktor. Ein einfacher Schritt, um dies zu erreichen, ist, den Leuten zu verdeutlichen, dass ihre Arbeit immer jemanden hilft. Sei es eine Handwerkerin, die für jemanden ein Fenster einbaut, ein Ingenieur, der für einen Kunden eine Maschine entwickelt oder eine Bankerin, die einem jungen Paar die Möglichkeit des Hausbaus bietet. Allen Formen der Arbeit ist gemein, dass sie etwas für jemanden tun, egal ob direkt oder indirekt. Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann steigt die eigene Wertschätzung gegenüber der eigenen Tätigkeit. Wenn man hierzu noch die Option bietet, flexibel zu arbeiten, dann ist vielen Menschen schon geholfen. Denn es gibt Menschen, die möchten sich in Arbeit schmeißen und gehen darin auf und es gibt Menschen, die möchten eher Aktivitäten neben der Arbeit nachgehen.

Wenn die Menschen sich daheim wirklich so wohl fühlen, dass sie nicht mehr nach der Ferne streben, dann müssen auch keine Bettenburgen an Strandküsten gebaut werden und die Städte würden nicht an der Überlastung durch Touristen ersticken. (Gut, Touristen bringen natürlich auch Geld und Entwicklungspotential mit, aber wie viele davon vor Ort profitieren, ist schwer zu beziffern und soll hier nicht weiter diskutiert werden).

Goethe hat sich auch schon mit dieser Thematik beschäftigt und hat seine Erkenntnis in einem wundervollen Vers festgehalten.

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

(Goethe, 1827)

So oder so – die Menschen könnten sich ihr Leben so gestalten, dass sie von ihm keinen Abstand brauchen und somit auch der Urlaub obsolet wird. Schließlich hat sich unser soziales Wohlbefinden in der Savanne nicht dadurch entwickelt, dass wir 40-50 Stunden die Woche gearbeitet haben und dann drei Wochen lang nicht. Wir sind dazu programmiert, immer wieder etwas, aber nicht permanent alles zu tuen.

Um den Stress unserer heutigen Welt Herr zu werden, gibt es auch eine bessere Taktik als Urlaub. Unser Wohlbefinden wird maßgeblich durch das soziale Netz um uns herum beeinflusst und dies hilft viel eher Stress abzubauen. Die Menschen, die einem wichtig sind, sind auch selten in Südostasien unterwegs, sondern eher ein paar Fußschritte entfernt.

Der Sprung nach vorn in Schleswig-Holstein

Es passiert nicht oft, dass über das nördlichste Bundesland auf nationaler Ebene, geschweige denn internationaler Ebene berichtet wird. Alle 5 Jahre richtet sich die Aufmerksamkeit bedingt durch die Landtagswahl nach Norden und dann verschwindet das Bundesland wieder in der Versenkung. Sowie im Sommer 2017. Die Wirtschatskraft  ist mäßig, was zum Teil durch seine periphere Lage und die recht dünne Besiedlung begründbar ist. Böse Zungen sagen unter vorgehaltener Hand „Schläfrig-Holzbein“ und vielleicht hat sich das Land auch deshalb den neuen Slogan „Der echte Norden“ verpasst, um zumindest so seine Außenwirksamkeit aufzuwerten.

Trotz oder vielleicht wegen dieser Umstände, ist das Land ein großer Vorreiter bei den erneuerbaren Energien und hier vor allem in der Windkraft. Schleswig-Holstein hat über die Jahre das Wachstum der Windkraft forciert und mittlerweile trägt die Windkraft den größten Anteil am Gesamtstrommix des Bundeslandes (mehr als 50%) und lässt den Atomstrom auf Platz 2 (bei 30%) zurückfallen. Dies ist sehr erfreulich, birgt aber zwei Probleme: Was wird gemacht, wenn zuviel Wind weht oder wenn Flaute herrscht.

Idyllisches Schleswig-Holstein
Noch ruht der Norden, aber schon bald könnte Schleswig-Holstein aus dem Dornröschenschlaf aufwachen.

Von der Windmühle zum Elektroauto

Bezüglich dieser Probleme werden erste Schritte eingeleitet. Mit dem Projekt NordLink wird eine Verbindung mit Norwegen geschaffen, wodurch Schwankungen im Stromnetz kompensiert werden sollen. Norwegische Speicherkraftwerke sollen überschüssigen Strom aufnehmen oder wahlweise direkt in Norwegen verbrauchen. Wenn in Deutschland Flaute herrscht, wird der Strom in die andere Richtung gelenkt. So wird der Norden mit ausreichend Strom versorgt. Auf lange Sicht könnte dies sogar ein Standortvorteil für neue Industrien in Norddeutschland sein. Durch das Abfangen der Überkapazitäten wird der Preis stabilisiert und gleichzeitig verlässlich und solange es keine Nord-Süd-Trasse gibt, muss der Strom vor Ort genutzt werden.

Es kann jedoch noch eine andere Möglichkeit zur Stromspeicherung genutzt werden, die bisher noch eine Idee ist, aber sehr bald Wirklichkeit werden könnte.

Innerhalb der nächsten Dekade wird es selbstfahrende Autos geben. Es ist ein Wettlauf entbrannt zwischen den Wirtschaftsgiganten dieser Welt, wer das erste komplett autonome Auto auf den Markt bringen wird. Zeitgleich vollzieht sich der Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb, da letztere deutlich effizienter und aufgrund ihrer geringeren Komplexität einfacher per Computer zu steuern sind. Natürlich haben die klassischen Verbrennungsmotoren noch den Vorteil, dass an ihnen schon seit über hundert Jahren geforscht wurde und sie dadurch eine höhere Technologiestufe gegenüber dem Elektromotor aufweisen. Es kommt hinzu, dass die Versorgungsinfrastruktur für Verbrennungsmotoren auf dem ganzen Planeten gegeben ist. Dennoch werden es klassische Verbrennungsmotoren schwer haben, sich gegen die aufkommenden Elektromotoren durchzusetzen. Denn das Schöne an Ihnen wird sein, dass sie zum Internet-of-Things gehören werden. Alles wird mit allem kommunizieren können. So zum Beispiel auch Windkraftanlagen und Autos.

Den Schnittpunkt dieser beiden Technologie kann Schleswig-Holstein mitgestalten und dabei mehrere Probleme lösen.

Vom statischen zum dynamischen System

Wie bereits oben erwähnt, ist der echte Norden ein dünn besiedeltes Gebiet. Dadurch gibt es viele Probleme beim Errichten und Aufrechthalten eines ÖPNV. Der Nahverkehr ist auf dem Lande nur spärlich vorhanden und somit auch nicht nützlich als leicht verfügbares Transportmittel. Zu teuer sind die Kosten für die Aufrechterhaltung einer soliden Infrastruktur.
Dies könnte sich jedoch ändern, wenn es selbstfahrende Autos gibt.

Stellt euch vor, dass anstelle eines Bus‘ mehrere kleine Taxen unterwegs sind, die autonom fahren. Diese werden vom hiesigen ÖPNV-Betreiber bereitgestellt und können per Handy-App gerufen werden. Man steigt dann ein, sagt wohin man möchte und steigt dann wieder aus. Es ist also zum Beispiel früh an einem Dienstag Vormittag und eine große Menge an Menschen wurde zur Arbeit gefahren und die Autos durchstreifen nun unausgelastet die Ländereien. Durch das Herumfahren werden sich die Batterien teilweise geleert haben. Gleichzeitig nimmt der Wind zu und die Stromproduktion läuft an. Anstelle aber den Strom jetzt nach Norwegen zu liefern, könnten die Windkraftanlagen an die Autos übermitteln, dass sie sich aufladen lassen können. Während also die Menschen munter arbeiten, fahren die Autos zur Ladestation und tanken ihre Akkus voll. Sobald sie damit fertig sind, fahren sie wieder durch die Lande und sind wieder einsatzbereit. Zum Abend können die Menschen sich dann wieder Autos bestellen und heimkehren.

Es ist erstaunlich, welche Möglichkeiten sich dadurch ergeben. Zum einen kann die Auslastung der Autos deutlich erhöht und dabei gleichzeitig das Problem des strukturschwachen Nahverkehrs auf den Lande behoben werden. Zum anderen ergibt sich eine weitere Möglichkeit für die intelligente Nutzung von Strom und die komplette Umstellung des ÖPNV auf Ökostrom.

In naher Zukunft wird das zentrale und starre System durch ein dezentrales und agiles System abgelöst werden.

Eingenordet

Natürlich muss dafür noch einiges vorbereitet werden. So muss sichergestellt sein, dass es eine exzellente Netzabdeckung gibt, sodass die Synergieeffekte des Internet-of-Things wirklich zum Tragen kommen. Eine gesetzliche Regelung für autonomes Fahren muss gegeben sein und eine entsprechende Ladeinfrastruktur aufgebaut werden. Alles Projekte, die zwar viele Herausforderungen mit sich bringen, aber nicht unlösbar sind.

Schleswig-Holstein hat die Möglichkeit und beginnt mit den ersten Schritten, um aus seinem Dornröschenschlaf aufzuwachen und zu zeigen, dass der echte Norden nicht nur ein Marketing-Slogan ist, sondern Deutschland für die kommenden Jahrzehnte einnordet.

Der sprachbildungspolitische Auftrag von Netflix und Co.

Ich bin im hohen Norden von Deutschland aufgewachsen und kam dadurch viel mit Dänemark in Berührung und war insgeheim immer ein wenig neidisch auf die Dänen, da sie meistens gut deutsch sprachen, man selber jedoch nur die typischen und leider oft despektierlichen Floskeln konnte. Später habe ich dann auch noch gemerkt, dass Sie nicht nur gut deutsch sondern auch nahezu perfekt englisch sprachen. Mit fortschreitendem Alter merkte man dann, dass dies nicht nur für die Dänen, sondern für ganz Skandinavien gilt.
Wenn man sich anschaut, was diese Länder gemein haben, dann fallen mehrere Aspekte auf. Zum einen sind die Sprachen miteinander verwandt, sodass das erlernen vereinfacht wird. Zum anderen ist das allgemeine Bildungsniveau in den jeweiligen Ländern sehr hoch. Dennoch erklärt dies nicht, weshalb die Sprachkenntnisse im Englischen frappant besser sind. Die deutsche Sprache ist mit dem Englischen ebenfalls verwandt und der Bildungsstand in Deutschland steht dem der skandinavischen Ländern in Nichts nach.
Der vermutlich ausschlaggebende Grund für den Niveauunterschied in der Sprachkenntnis liegt in der Abwesenheit von Übersetzungen von Filmen und Serien. In allen Ländern, in den Filme und Serien nicht übersetzt werden, ist das Sprachniveau im Englischen höher als in Ländern mit einer existierenden Übersetzerszene. In Ländern wie den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland werden Filme im Orginal mit Untertiteln (OmU), wenn nicht sogar in der Originalversion (OV) gezeigt. Nur bei Kinder- und Animationsfilmen werden Ausnahmen gemacht. Dieser Sachverhalt rührt daher, dass Übersetzungen deutlich teurer sind als Untertitel, hat aber einen angenehmen Nebeneffekt. In Vergleichstest, wie dem EF EPI (English Proficiency Test), wird dieser Zusammenhang immer wieder deutlich. All diese Länder schneiden überdurchschnittlich gut in ihren Englischkenntnissen ab. Dies ist eine klassische Win-Win-Situation – man spart Geld und die Menschen werden dennoch gebildet. Ein Traum für jeden Politiker oder Manager!

Soweit, so bekannt. Natürlich versucht man hier gegenzuwirken und engagierte Lehrer bemühen sich mit Herzblut, ihren Schülern die Liebe für die englische Sprache näher zu bringen und Eltern geben Unsummen für Auslandsaufenthalte, Sprachkurse oder Nachhilfestunden aus. Dabei kann die Lösung deutlich günstiger sein.

Denn meiner Meinung nach werden Video-on-Demand-Anbieter dazu beitragen, dass die durchschnittlichen Sprachkenntnisse im Englischen und vielleicht sogar in weiteren Sprachen steigen wird und dafür nicht mal gepaukt werden.

Bereits jetzt hat ein Großteil der Deutschen einen Netflix oder Amazon Video Zugang. Vor allem unter jungen Leuten ist das VoD-Prinzip beliebt, da es zu deren Lebensweise passt. Der immense Vorteil, den dieses Konzept gegenüber dem traditionellen Fernsehen hat, ist die Mehrsprachenfunktionalität. Man kann nun ganz entspannt zwischen der englischen Originalversion, der OmU-Version oder der übersetzten Version wechseln. Dabei darf man nicht vergessen, dass man nicht nur englische Filme zur Auswahl hat, sondern auch Französische, Spanische, Italienische oder Türkische. Oftmals kann man bei Eigenproduktionen von Netflix eine dieser Sprachen und dazu beliebige Untertitel auswählen.

Was das für Möglichkeiten bei dem Erlernen von Fremdsprachen ermöglicht!

Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie oft man stupide Vokabeln oder Grammatik lernen musste. Anstelle von drögem Grammatik- und Vokabelpauken, könnte man Schülern die Hausaufgabe aufgeben, dass sie die Serien House of Cards im englischen auf Netflix schauen sollen. Dort lernen sie etwas über die Amerikanische Politikstruktur (zugegeben etwas überspitzt dargestellt) und können en passent ihr Englisch verbessern. Dies gilt aber nicht nur für Schüler. Für jeden Erwachsenen ist es vermutlich sinniger, dass er eher eine Serie im OmU schaut und die Zeit nicht in der VHS verbringt.

Meiner Meinung nach gibt es noch einen weiteren Punkt, der ins Gewicht fällt. Durch die Übersetzung geht ein Teil des Charakters des Films verloren. Es ist fast nie möglich, den Klang und den Timbre einer Stimme bei Übersetzungen zu erhalten und dabei legen Regisseure ein großes Augenmerk darauf, dass ihr Film wie eine Gesamtkomposition wirkt. Zusätzlich sieht es immer ein wenig falsch aus, wenn die Lippen sich nicht passend zum Ton bewegen.

Es ist eigentlich schade, denn Deutschland und Frankreich hatten bereits so einen Weg mit dem Kooperationsprojekt „arte“ eingeschlagen. Dort wurden französische Filme und Beiträge immer nur in OmU gezeigt. Dieser Weg hätte weitergegangen werden müssen. Leider haben sich altbewährte Gewohnheiten durchgesetzt.

Doch es ist nie zu spät!
Deshalb plädiere ich dafür, dass man jedem Schüler einen Zugang zu einem Streamingdienstleister anbietet. In zwanzig Jahren werden wir merken, dass Deutschland zu den Spitzenländern aufschließen wird und das fast ohne Anstrengung! Auch wenn die Rechnung  gemein ist, aber vermutlich könnten einige Lehrerstellen für Fremdsprachen gespart werden, wenn man Schülern diese Möglichkeit bietet.

Somit übernimmt Netflix jetzt schon einen bildungspolitischen Auftrag, den eigentlich der öffentlich Rundfunk übernehmen sollte. Der sendet jedoch immer noch alles nur in deutsch und hält alle Beiträge nur für eine Woche vor. Die Möglichkeiten sind vorhanden, man muss nur den Mut haben, sie auch zu nutzen.

Die Gesamtheit aller Begriffe

Seit nun etwas mehr als 16 Jahren gibt es die Wikipedia. Diese Website hat sich zu einer verlässlichen Quelle für Informationen etabliert. Fast jeder informiert sich mal eben schnell über Sachverhalte, die ihm nicht geläufig sind. Ich weiß nicht, was die Kuznet’s Kurve aussagt – kein Problem. Ich lese gerade einen alten Text und wundere mich, dass die Wörter eine leicht andere Orthografie aufweisen – dann lese ich etwas über das Mittelhochdeutsche. Vielleicht habe ich aber auch einfach gerade Zeit und möchte mich über die ISO informieren, in der beschrieben wird, wie und in welcher Form japanische Schriftzeichen ins lateinische transkribiert werden (ISO 3602). Zu fast allem, was man sucht, findet man einen Eintrag bei Wikipedia (auch wenn er manchmal nur ein paar Zeilen lang ist und nicht dem Anspruch genügt, den die Wikipedia an Artikel stellt).

Worauf ich jedoch hinaus möchte, ist, dass die Menge der (englischsprachigen) Artikel in der Wikipedia, ein halbwegs guter Indikator für die Anzahl der von der Menschheit benannten Gegenstände oder Sachverhalte ist. Da zu fast jedem Begriff ein Artikel besteht, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Anzahl der Artikel eine Annäherung für die Menge aller Begriffe ist. Natürlich ist dies nur eine grobe Schätzung und um den Sicherheitsfaktor zu erhöhen, multipliziere ich die Zahl mit drei. Demnach kommt man auf eine Zahl von knapp 16,5 Mio. (Stand Mai 2017). Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese Zahl tatsächlich ein guter Indikator für die Gesamtheit aller Begriffe, die der Mensch nutzt, um die Welt um sich herum zu beschreiben. Wenn man eine noch konservativere Schätzung abgeben möchte, könnte man sagen, dass die Menge aller Begriffe vermutlich bei unter 100 Millionen liegt.
Es kommt mir jedoch nicht darauf an, eine genaue Zahl zu haben, denn aus der Größenordnung können bereits weitere Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Zum einen scheint dies ein Größenordnung zu sein, mit der der Mensch umgehen kann. Zum anderen gibt uns das wiederum Aufschluss über die Speicherkapazität des Gehirns. Da diese Begriffe in unserem Gehirn abgespeichert werden, fungiert diese Zahl gleichzeitig als Indikator für die minimale Speicherkapazität des Gehirns.

Ich gebe zu, diese Herangehensweise entbehrt einer gewissen Wissenschaftlichen Rigidität, lehnt sich jedoch stark an die Argumentationsweise von Fermi, bzw. die Lösung eines Fermi-Problems an. Bei solchen Problemen muss eine Lösung oder Heuristik für ein schwer quantifizierbares Problem gefunden werden. Ihr wollt Genaueres wissen? Kein Problem, ich kenne da eine Seite, die euch da helfen kann.

 

 

Vorboten des Stillstands

Die deutsche Gesellschaft steckt derzeit mitten in einem Wandel. Dieser Wandel wird jedoch nicht dazu führen, dass sich etwas ändert, sondern dass der Status Quo bestehen bleibt.

Würde man einen Ausländer über deutsche Stereotype abfragen, dann kämen neben den Klassikern wie „Lederhosen, Bier und Bratwurst“ vielleicht aber auch der Begriff der German Angst zum Vorschein. Jede Art eines Stereotyps sollte mit Vorsicht genossen werden, wobei ich denke, dass in diesem vielleicht ein Quäntchen mehr Wahrheit enthalten ist. Deutschland ist ein Land, das durch Vorschriften & Regeln geprägt und organisiert wird. Dieses Konzept scheint auch erfolgreich zu sein, wenn man sich die Wirtschaftsstärke Deutschlands oder aber internationale Indizes wie den Human Development Index vergegenwärtigt.
Das Problem, das durch diese Art der Gesellschaftsorganisation entsteht, ist, dass die Menschen einen Hang, bzw. eine Vorliebe dafür entwickeln, alles in strengen Prozessen zu organisieren. Diesem Konzept kann man ambivalent gegenüberstehen, jedoch ist nicht zu bestreiten, dass es dazu führt, dass Abweichungen von der Prozedur gemieden, wenn nicht gar aktiv bekämpft werden. Neuerungen werden als beängstigend empfunden und vielleicht ist dies einer der vielen Ursachen, weshalb es den Stereotyp der German Angst gibt.
In einer internationalen Gesellschaft, die das Prinzip der stetigen und immer schnelleren Veränderung schon fast zur Maxime erhoben hat, kann diese Zukunftsangst eine Last für eine Gesellschaft sein.

Wie weiter oben beschrieben, scheint es bisher jedoch noch genügend Deutsche gegeben zu haben, die dafür sorgten, dass Deutschland diesen Wandel mitgemacht hat – wenn auch vielleicht widerstrebend (Man möge sich die Verweigerung der Deutschen Bank zur Einführung von Schreibmaschinen Ende d. 19. Jhd. vergegenwärtigen).

Ich glaube aber, dass dieser (freier) Wille in Zukunft abnehmen wird. Nahezu alle Großbauprojekte werden mit Vehemenz verhindert, wie z.B. der Umbau des Stuttgarter Bahnhofs, Stromtrassen oder die Umlegung des Bahnhofs-Altona in Hamburg, um nur einige zu nennen. Natürlich ist es gestattet, sich in einer Demokratie zu organisieren und seinen Unmut zu äußern. Mittlerweile scheint es aber schon so weit zu gehen, dass die Ausschreibung von Naturschutzgebieten zu progressiv ist und bekämpft gehört. Diese Abneigung gegenüber Veränderungen – ob gut oder schlecht – scheinen nur Vorboten zu sein. Denn Fakt ist: Deutschland alter. Rasant. Schon jetzt gehört Deutschland mit zu den ältesten Nationen der Welt – nur noch überholt von Japan.
Dies wird dazu führen, dass Themen für alte Menschen überproportional wichtig werden. Gleichzeitig ist auch bekannt, dass ältere Menschen eher dazu neigen, alles beim Alten belassen zu wollen, anstatt etwas Neues zu wagen.

Das ist als Korrektiv einer Gesellschaft in Ordnung, solange es mehr Junge als Alte gibt. Dies Verhältnis scheint jedoch derzeit zu kippen und zeigt bereits erste Auswirkungen.

All diese diffusen Ängste scheinen in der AFD zu kulminieren. Die Partei steht für eine Rückwärtsgewandtheit und zieht dementsprechend auch das Klientel an. Also vor allem ältere Menschen. Es bleibt offen, wie stark die AFD als politische Macht werden wird und ob sie ihre Ziele in reale Gesetze umwandeln kann.
Diese Entwicklungen sind alles Vorboten für den immer stärker werdenden Widerstand gegen Wandel und Veränderungen. Es wird immer schwerer werden, Neuerungen wie selbstfahrende Autos, E-Health oder E-Banking flächendeckend durchzusetzen.

Wenn wir alten Menschen nicht verdeutlichen können, dass Veränderungen auch für sie gut sein können, dann werden es die Jüngeren schwer haben, in dieser Welt mitzukommen.

Den antiken Griechen war dieses Problem schon bekannt und sie haben es in einem wunderbaren Aphorismus festgehalten:

A society growths great when old men and women plant trees whose shade they will never sit in.

Nehmen wir uns an ihnen ein Beispiel.

Die Symbiose aus YouTube und Vine

Das Internet. Ein Leben ohne es scheint in westlichen Ländern kaum mehr möglich zu sein. Wir beschaffen uns unser Liebensleben darüber, buchen unseren Urlaub und können durch die Vernetzung Distanzen von tausenden von Kilometern zumindest gefühlt durch einen Swipe überbrücken. Daher ist auch der neue Wandel gut nachzuvollziehen, der sich gerade in der Musik- und Fernsehszene vollzieht.

Seinen derzeitigen Höhepunkt hat dieser Trend in dem neuen Beginner Video „Es war einmal“. Dort rappen die drei Hanseaten in gewohnt entspannter und näselnder Manier über die gebastelten Beats. Nun ist es schon seit der Zeit als MTV noch wichtig war so, dass ein Song mit dem richtigen Video noch eine viel größere Reichweite bekommen kann. Der Strategie schlossen sich auch die Beginner an. Jedoch zeigen sie kein Konzeptvideo, in dem sie ein Musikvideo wie einen klassischen Film darstellen, sondern sie richten sich nach den neuen Sehgewohnheiten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die beiden tragenden Säulen in dem neuen Video große Überschneidungen mit den Erfolgskonzepten von YouTube und Vine haben.

Ein wichtiges Feature von YouTube, um Klickzahlen zu generieren, ist die Cross-Promotion mit anderen YouTubern. Die Reichweite durch Cross-Promotion hat immensen Einfluss auf den Erfolg eines Kanals und YouTube ist sich dessen bewusst und informiert seine Content-Creator gerne darüber. Vine hingegen verfolgt ein anderes Erfolgsrezept. Dort ist es nicht die Kollaboration mit anderen Kanälen, sondern die Ausschüttung von Glückshormonkaskaden, indem Videos  von wenigen Sekunden länge gezeigt werden. Die Länge dieser Videos und die Menge an Informationen scheint perfekt auf unsere Gehirne abgestimmt zu sein. Das Video ist lang genug, um den Inhalt zu verstehen und kurz genug, sodass man sich schon bald auf neuen Inhalt freuen kann, sollte einen das derzeitige Video nicht gefallen. Normalerweise swipen, bzw. wischen wir durch Bilder und holen uns dadurch immer wieder neue Glückshormonkaskaden. Vine ging einen Schritt weiter und zeigt uns aneinander gereihte Bilder.

Wenn man diese beiden Konzepte auf das Video der Beginner anwendet, dann ist der Erfolg des Videos sehr schnell nachzuvollziehen. Zum einen nutzt es die Zusammenarbeit einer großen Runde illustrer deutscher Persönlichkeiten und verpackt dieses auch noch in gehringerechte Stücke, sodass wir sie munter herunterschlucken. Sie haben die Symbiose aus den derzeit erfolgreichsten Strategien vollzogen.

Sie sind mit diesem Konzept in bekannter Gesellschaft. So verwenden Deichkind, Böhmermann, Jennifer Rostock und auch Circus Halligalli (ab Min 09:22) diese Idee. Es scheint, als wird sich bald eine neue Welle an Videos in unseren Social Media Feeds breit machen und sie werden folgendes Credo haben:

Zeige möglichst viele Menschen in deinem Video, aber zeige sie alle nachheinander, um die Menschen bei Laune zu halten. Der Inhalt kann ruhig etwas in den Hintergrund treten. Denn nichts hält uns besser vorm Bildschirm, als die Verbindung von den derzeit zwei stärksten Seditativa.

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Die Deutschen und Ihre Dichter. Gerne brüsten wir uns damit, das Land der Dichter und Denker zu sein. Neben dem vermutlich bekanntesten Vertreter (Goethe) gibt es noch eine Vielzahl an Poeten, die ihren Ruhm redlich verdient haben. Einer von diesen hat den Deutschen ihr wohl beliebtestes Zitat gegeben. Sein Name heißt Hermann Hesse und das bekannte Exzerpt lautet: „[…] und jedem Anfang wohnt Zauber inne […]“ und kommt aus dem Gedicht „Stufen“.

Wahrscheinlich hat fast jeder dieses Zitat schon einmal gehört und es ist auch zurecht so beliebt. Denn es drückt so wundervoll die Chance des Neuen aus. Es umschreibt die leere Wiese, auf der man seine Ziele verwirklichen kann. Das vage Gefühl, alles schaffen zu können, da das Neue noch roh ist und man es nur nach seinen Vorstellung formen muss. Ja, auch mir gefällt dieses Zitat sehr. Wie kann es auch nicht, schließlich beschreibt es das Lebensgefühl junger Menschen treffend.

Dennoch finde ich, dass nicht jedem Anfang ein Zauber inne wohnt. Vor allem nicht, wenn es darum geht neue Bücher oder Serien anzufangen. Oftmals ist es so, dass man die Charaktere und Handlung aus gerade beendet Büchern und Serien so verinnerlicht hat, dass man das Gefühl hat, diese Personen seien ein Teil des eigenen Lebens. Viel lieber möchte man die Geschichte von diesen weiterverfolgen, anstatt eine Neue anzufangen. Denn man weiß ja bereits, wie die Personen aus Büchern und Serien ticken. Man kennt das Setting und den Erzählstil des Autoren. Ein neues Buch oder eine neue Serie erfordert da ein Umdenken. Man lernt auf einmal neue Menschen kennen, von denen man nicht weiß, wie sie sind. Selbstverständlich kann es eine Chance sein. Es fühlt sich aber ein wenig so an, als würde man aus seiner Heimatstadt wegziehen. Dort kennt man jede Ecke und hat alle seine Freunde. Wenn man nun wegzieht, verliert man zumeist jedoch den Kontakt und man kommt mit neuen Menschen zusammen. Bei dem Wechseln von Büchern oder Serien ist es ähnlich. Man lässt seine alten Bekannschaften und Freunde zurück, um sein Glück auf einer neuen Seite zu finden. Zum Glück ist es jedoch meist einfacher, ein Buch nochmal zu lesen als in die Heimatstadt zu fahren

Bei dem Gedicht würde ich nur ein Wort tauschen. Anstatt „und“ würde ich „nahezu“ nutzen. „Nahezu jedem Anfang wohnt ein Zauber inne„. Das nimmt den Satz zwar etwas Mystik, gibt ihm jedoch die nötige Korrektheit und letztens Endes ist das doch zauberhaft und eine (deutsche) Tugend.

 

Geschenke zum Vatertag

Das Jahr ist bald wieder herum und viele Männer in diesem Land bereiten sich bereits seit Wochen frenetisch auf einen Wandertag mit viel Bier, Grillgut und lautem Gegröle vor. Unzählige WhatsApp-Gruppen füllen sich mit Organigrammen für die Beschaffung von Alkohol und co. und mit jedem weiteren Tag wird diesem kathartischen Ritual entgegengefiebert. Ja, bald ist Himmelfahrt und somit steht der Herrentag vor der Tür. Mal davon abgesehen, dass mittlerweile auch viele Frauen in Gruppen und mit Bollerwagen über das Land ziehen und sich diesem Kult angeschlossen haben, firmiert der Tag auch unter dem Namen Vatertag.

Einen eigenen Tag auszurufen, um seinen Vater (oder ein paar Tage später seine Mutter) zu ehren, kann man sehen wie man möchte. Entweder man versteht es als einen Tag, an dem man sich bei seinem Vater durch eine nette Geste seiner Schuld des Vorjahres befreien kann oder man sieht es als einfache Möglichkeit, seinem alten Mann etwas Gutes zu tun, unabhängig vom Anlass. Ich plädiere für die zweite Auslegung.

Hier kommen wir aber auch schon zum Pudels Kern. Sobald man das Internet nach möglichen Geschenken für Väter zum Vatertag durchforstet, bekommt man den Eindruck, dass Väter nur whiskey-trinkende, werkzeug-liebende, zigarre-rauchende Einfallspinsel sind, die den gesamten Tag mit billigen Technikgadget verbringen. Ich will nicht sagen, dass solche Geschenke schlecht wären; sie wirken einfach sehr klischeebehaftet. Viele Menschen werden ihren Vätern dennoch Geschenke aus der Fundgrube der Stereotype schenken. In Ordnung, aber ich glaube, dass sich Väter mehr über ein paar nette Zeilen freuen, als einem einfachen Geschenk. Nehmt euch die Zeit, ein paar nette Worte über euren alten Herren auf einem separaten Stück Papier beizulegen

The Rant Society

Es gibt eine Anekdote über den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten und der Probleme, die sie dadurch hatten.
Wie alle wissen haben sich die Nationalsozialisten an dem sprachlichen Fundus des Populismus‘, Rassenwahns und Menschenverachtung bedient, um ihre Ziele zu erreichen. Da sie aber auch gut verstanden haben, wie Menschen funktionieren, haben sie sich eines psychologischen Tricks bedient. Bei nahezu allen Reden, öffentlichen Auftritten und geschriebenen Worten wurden die Argumente durch die Nutzung von Superlativen mit einem hohen Level der Erregtheit versehen. Die Gefahr war nicht einfach groß, sie war gigantisch, total oder verheerend. Jede Schlacht war epochal und heroisch. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten gab es einfach kein Platz für eine Unterhaltung in Zimmerlautstärke. Damit konnten die Führungsriege die Menschen in die gewollte Alarmbereitschaft und Besorgnis bringen, um die Massen dann wie ein Puppenspieler zu führen. So weit, so bekannt.
Oftmals ist man sich des logischen Schluss‘ jedoch nicht bewusst, der daraus folgt. Es ist nun einmal so, dass Menschen sich auch an das Erregungslevel eines Superlativs gewöhnen und es nach einer Weile als normal empfinden. Das führte dazu, dass dem Propagandaapparat die Superlative ausgingen. Sie versuchten das Niveau der Erregtheit mit Konstruktion wie

„Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn wenn nötig totaler und radikaler[…]„? (J. Goebbels, Sportpalastrede 1943)

aufrecht zu erhalten. Wo dieser Irrweg hingeführt hat, können wir in Geschichtsbüchern nachlesen.

Man kann aus dieser Anekdote wichtige Erkenntnisse ziehen. Zum einen hast du mehr Erfolg, wenn du laut schreist und zum anderen, wenn du dich mit deinen Argumenten über andere stellst.

Diese Erkenntnis führt uns direkt ins Internetzeitalter. Denn ich glaube, dass uns das Internet zu einer Rant Society formt.

Viele Menschen nutzen die Angebot des Internets friedlich und entspannt und möchten anderen Menschen nichts Böses. Nur ist es so, dass man von diesen Menschen nichts hört, da sie nicht polarisieren. Erfolg hast du im Internet (oftmals), wenn du laut und gemein bist. Anders ist es nicht zu erklären, wie Woche um Woche neue Shitstorm und Hatewaves das Internet wie Orkane und Taifuns heimsuchen und damit das Leben vieler Menschen nachhaltig zerstören (Auch wenn der Tweet leider ein schlecht kommunizierter Witz war). Klar, Lynchjustiz fühlt sich gut an, da man selber zum rechtschaffenen Menschen wird und die Unterminierung der Moral abwendet. Man handelt nach dem moralischen Gesetz der Masse und kann sich so einer Gruppe angehörig fühlen. Das Verhalten wird gerne mit einer kleinen Formel wiedergegeben, die ich bei Penny Arcade gefunden habe.

Normal Person + Anonymity + Audience = Total Fuckwad

Dies stimmt sicherlich für viele Menschen, ist aber wahrscheinlich etwas zu kurz gegriffen. Denn man sollte nicht Angst haben vor den Menschen, die in Anonymität ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sondern bei denen, die es mit Klarnamen machen (frei nach Frank Schirrmacher). Egal ob Klarname oder Pseudonym: Man muss sich stets aufregen, um jemanden noch hinter dem Ofen hervorzulocken.

Dies führt uns zu einem weiteren Charakteristtikum der Rant Society. Du kannst nicht nur populär werden, wenn du laut und gemein bist, du kannst auch Geld damit machen und das leider quer durch das politische Spektrum. Es ist völlig egal, ob man sich als AFD-Sympathisant oder Compact-Leser darüber aufregt, dass gerade wieder Flüchtlinge kommen oder sich bei  Böhmermann seines „moral high ground“ bestätigt, wenn man sich über diese Menschen lustig macht. Auf YouTube gibt es unzählige Kanäle, die ihren Erfolg durch lautes Brüllen und Aufregung bekommen, wie z.B. Nostalgia CriticAngry Video Game Nerd oder Francis Rage. Wobei der fairnesshalber gesagt werden muss, dass die YouTube und Böhmermann eine Rolle spielen.

Anscheinend benötigen wir mittlerweile einfach dieses Level der Erregtheit, um noch unterhalten zu werden. Es reicht nicht mehr, wenn jemand einen guten Witz macht. Er muss mindestens gebrüllt sein und uns das Gefühl geben, besser als andere zu sein. Die Rant Society fühlt sich ein bisschen so an, als würde jeder mit einem Megaphone herumlaufen, um den anderen zu übertönen und herunterzuspielen und wenn das nicht mehr reicht, dann kauft man sich einen Wagen mit einer Lautsprecheranlage, von dem aus man die Nachbarschaft beschallt.

Altes, kleines Filmprojekt

Während meiner Zeit in Ilmenau gab es ein kleinen Filmwettkampf, bei dem eine kleine Filmgruppe innerhalb von 50h einen kompletten Film konzipieren, drehen, schneiden und nachbearbeiten muss. Der Clue dabei: Kein Team kennt das Thema vorher. Die Teams müssen also unter hohem Zeitdruck Idee haben und dann natürlich auch noch umsetzen. Wer sich mit Filmerei auskennt, der weiß, dass selbst kleinste Videodrehs einen hohen Zeitaufwand haben.

Was bei uns dabei herausgekommen ist, könnt ihr im nachfolgenden Video sehen. Achja, gewonnen haben wir dann natürlich auch.