Urlaub – oder das falsche Erholungskonzept

Die Temperaturen steigen, die Tage sind lang und allmählich rückt für die meisten Menschen der längste Zeitraum des Jahres näher, in dem sie endlich mal Zeit für sich haben werden. Kurz gesagt, der Jahresurlaub steht vor der Tür. Schnell werden noch alle möglichen Projekte angeschoben, Übergaben vorbereitet und die Abwesenheitsnotiz für die automatisierte Antwort hinterlegt:

Dear Sir or Madame,

I will be out office until the 20th August and will have limited access to my email. In urgent cases contact my colleague.

Please note your email will not be forwarded.

(Honestly though, I don’t care what happens for the next weeks)
Gut, das in den Klammern wird meist nur gedacht.

Bis zu drei Wochen am Stück frei! Da muss schon gut überlegen, was man mit soviel Zeit anstellen möchte, denn auch im Urlaub gilt: Zeit – und Nutzenoptimierung. Es gebe ja fast nicht Schlimmeres, als nach dem Urlaub wieder auf die Arbeit zu kommen und sagen zu müssen, dass das gebuchte Ferienhaus ein totaler Reinfall, oder dass das zwei Sterne Strandhotel noch zwei km vom Strand entfernt war und der eigene Nachwuchs dazu noch mit den Temperaturen nicht klar kam und einem auch im Urlaub keinen Schlaf gönnte. Denn es gilt der Imperativ, dass der Urlaub erholsam und auffrischend zu sein hat, damit man jetzt wieder voller Energie in die Arbeit steigen kann.

Die Frage, die sich hierbei jedoch stellt ist, ob diese Form der Erholung gut gewählt ist? Denn im Konzept von Urlaub schwingen mehrere Grundannahmen mit, die meiner Meinung nach diskussionswürdig sind.

Stress als Zeit- und Arbeitsdarhlehen des Körpers

Der Urlaub wirkt umso gegönnter je gestresster der Mensch vor Urlaubsantritt war. Am besten wird die Belastungsgrenze fast erreicht oder ist schon dezent überschritten, denn dann wurde der Körper an sein Maximum getrieben und kann jetzt versuchen, sich wieder aufzuladen. Schade nur, dass der Körper dann meist richtig in sich zusammensackt und sich die Erholungsphase samt horrender Zeitzinsen zurückholt.

Meine These ist, dass die Wirkung von Stress analog zum Konzept eines Dispokredits verstanden werden kann. Wenn für kurze Zeit hohe Energie und Leistung benötigt wird, ist der Körper gerne dazu bereit, einem zu helfen. Ähnlich wie in einer Bank, die einem trotz des Kontoüberzugs nicht gleich die Gerichtsvollzieher vor die Tür stellt. Sie weiß, dass sich das Konto wieder füllen wird. Wenn das Konto permanent im Soll bleibt, überlegt sich die Bank nochmal, ob die Option mit den Gerichtsvollziehern nicht doch valide ist. Wenn der Körper hingegen im permanenten Stress ist, dann kann er nur durch das Ziehen der Notbremse das Konto wieder füllen.

Diesem Argument folgend bedeutet es (überspitzt), dass man durch den Urlaub gar nicht wirklich ins Stresshaben kommt, sondern nur seinen Dispo tilgt und danach eventuell schon wieder anfängt, im Stresssoll zu leben. Die Arbeit müsste so gestaltet sein, dass sie zwar anspruchsvoll ist, denn Bore-out ist nicht viel besser als Burn-out, aber Urlaub sollte einem die Möglichkeit geben, sich tatsächlich nachhaltig zu erholen und nicht nur Schadensbegrenzung zu betreiben.

Vorausgesetzt man kommt tatsächlich zur Ruhe.

Urlaubsgentrifizierung und Statussymbol

Wenn es einem denn gegönnt ist, tatsächlich zur Ruhe zu kommen, dann muss der Urlaub aber schon besonders sein. Urlaub an der Ostsee und das, obwohl man noch nicht mal Kinder hat? No way!

Junge Deutsche verbringen Ihren Urlaub in Südostasien, Südamerika oder mittlerweile auch im Iran, da wo es entweder gut und günstig oder der Massentourismus noch nicht angekommen ist und man noch „authentisch“ die hiesige Kultur aufsaugen kann. Es reicht nicht, dass man sich einfach zu Hause in der Hängematte erholt. Mehrere tausend Meilen müssen zurückgelegt werden, um sich Klimabedingungen aussetzen, die man als Westeuropäer kaum aushält und die ersten Tage mit Montezumas Rache verbringen muss, da man das Essen nicht verträgt. Mir kommt es so vor, als wäre der Urlaub nicht primär zu Erholung, sondern vor allem zum Erlangen von Status da – in der internet-genehmen Währung von Likes und Shares.

Zumal auch noch die Ökologiekeule geschwungen und angeprangert werden kann, dass das massenweise Pilgern nach Südostasien der Umwelt schadet, das empfindliche Ökosystem durch zu viele Touristen stark beschädigt und die Infrastruktur dem Zusturm der Gäste nicht standhält.

Die Entwicklung des Tourismus folgt dabei ähnlichen Prinzipien wie denen der Gentrifizierung.

  1. Zuerst durchforsten die Individualtouristen die noch unbekannten Gebiete dieser Welt und kultivieren eine Sub-Kultur des hippen Reisens.
  2. Die Region wird immer bekannter und öffnet sich für eine breitere Besucherschicht.
  3. Durch den Tourismuszuwachs kommt Geld ins Land, Investoren wittern eine gute Anlage und nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten gibt es Bettenburgen und Massentourismus.
  4. Die Individualtouristen sind angewidert und die Karawane zieht weiter.
  5. Gehen Sie zurück zu Schritt 1

Eine Lesart dieses Phänomens ist, dass Individualtourismus den Weg für den Massentourismus ebnet. Aus dem ehrbaren Interesse an der Kultur wird irgendwann ein Partymeile. Somit bewirkt man mit wohlgemeinten Absichten eine entgegengesetzte Wirkung.

Arbeit und Leben neu denken – Urlaub abschaffen

Wenn der Urlaub nur dazu da ist, um sich für eine kurze Zeit auf den Normalzustand zu bringen und gleichzeitig versucht wird, sich via Fotos zu inszenieren, sollte das Konzept „Urlaub“ überdacht werden. Was nützt es, wenn man Zeit, Mühe und Geld aufbringt, nur um im Nachhinein für eine kurze Zeit entspannt gewesen zu sein? Die Umkehrung des Prinzips scheint viel schlüssiger.

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Anstelle nur im Urlaub auf der Hängematte zu liegen, empfehle ich, die Hängematte nach hause zu holen und dann den Urlaub sein zu lassen

Wie wäre es denn, wenn das Leben so organisiert wäre, dass der Urlaub abgeschafft werden könnte?

Für viele Menschen ist der mit jedem Tag näherkommende Urlaub der Leuchtturm, der sie durch den Arbeitsalltag leitet. Jeden Tag quälen sie sich aus dem Bett und kämpfen gegen Ihre innere Überzeugung an. Das ist purer Stress und verleitet einem dazu, nur auf die Zukunft zu blicken anstatt im Hier-und-Jetzt zu leben. Wenn die Arbeit so gestaltet wäre, dass sich die Abneigung ihr gegenüber verringert, eventuell sogar in eine Zuneigung umschlägt, dann empfinden die Menschen eine intrinsische Motivation. Natürlich wollen einige Arbeitgeber wollen diesen Effekt ausnutzen und leider scheint unsere Welt (derzeit) so konstruiert zu sein. Da ist es doch nur sinnig, zumindest mit einem guten Gefühl ausgenutzt zu werden und nicht unter dem Joch einer imaginären Peitsche zu leiden.

Für das eigene Wohlbefinden ist die intrinsische Motivation ein, wenn nicht sogar der ausschlaggebender Faktor. Ein einfacher Schritt, um dies zu erreichen, ist, den Leuten zu verdeutlichen, dass ihre Arbeit immer jemanden hilft. Sei es eine Handwerkerin, die für jemanden ein Fenster einbaut, ein Ingenieur, der für einen Kunden eine Maschine entwickelt oder eine Bankerin, die einem jungen Paar die Möglichkeit des Hausbaus bietet. Allen Formen der Arbeit ist gemein, dass sie etwas für jemanden tun, egal ob direkt oder indirekt. Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann steigt die eigene Wertschätzung gegenüber der eigenen Tätigkeit. Wenn man hierzu noch die Option bietet, flexibel zu arbeiten, dann ist vielen Menschen schon geholfen. Denn es gibt Menschen, die möchten sich in Arbeit schmeißen und gehen darin auf und es gibt Menschen, die möchten eher Aktivitäten neben der Arbeit nachgehen.

Wenn die Menschen sich daheim wirklich so wohl fühlen, dass sie nicht mehr nach der Ferne streben, dann müssen auch keine Bettenburgen an Strandküsten gebaut werden und die Städte würden nicht an der Überlastung durch Touristen ersticken. (Gut, Touristen bringen natürlich auch Geld und Entwicklungspotential mit, aber wie viele davon vor Ort profitieren, ist schwer zu beziffern und soll hier nicht weiter diskutiert werden).

Goethe hat sich auch schon mit dieser Thematik beschäftigt und hat seine Erkenntnis in einem wundervollen Vers festgehalten.

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

(Goethe, 1827)

So oder so – die Menschen könnten sich ihr Leben so gestalten, dass sie von ihm keinen Abstand brauchen und somit auch der Urlaub obsolet wird. Schließlich hat sich unser soziales Wohlbefinden in der Savanne nicht dadurch entwickelt, dass wir 40-50 Stunden die Woche gearbeitet haben und dann drei Wochen lang nicht. Wir sind dazu programmiert, immer wieder etwas, aber nicht permanent alles zu tuen.

Um den Stress unserer heutigen Welt Herr zu werden, gibt es auch eine bessere Taktik als Urlaub. Unser Wohlbefinden wird maßgeblich durch das soziale Netz um uns herum beeinflusst und dies hilft viel eher Stress abzubauen. Die Menschen, die einem wichtig sind, sind auch selten in Südostasien unterwegs, sondern eher ein paar Fußschritte entfernt.

Der fiktive Tagebucheintrag meines Großvaters

Vogelsang, d 29.11.2010

Heute hat es wieder geschneit und das gefrorene Wasser hat  an den Fensterscheiben ein Geflecht erstellt, was einen an Efeu erinnert. Mir vergeht die Lust am Essen und am Trinken. Die Tage werden von Tag zu Tag gleicher. Ab und zu kommen meine Söhne vorbei, um zu schauen, wie es mir geht.

Meistens reden wir über dieselben Themen: Was in unserem alten Dorf von 150 Seelen passiert und was ich zum Mittag gegessen habe.
Leider habe ich es versäumt, eine väterliche Beziehung zu meinen Kindern und Enkelkindern aufzubauen, so dass wir nie über unsere Gefühle miteinander reden konnten.
Nun, gut. Sich darüber zu lamentieren bringt jetzt auch nichts mehr. Auf meinen letzten Tagen auf dieser Erde werde ich das nicht mehr ändern können.

Langsam merke ich auch, dass mein Gehirn mich im Stich lässt. Bis vor einem Jahr konnte ich  das Weltgeschehen noch aus meinem Sessel nachverfolgen. Doch mittlerweile werden für mich auch die einfachsten Zusammenhänge zusehends komplexer und undurchdringlicher. Seit kurzem baut mein Körper auch stark ab. Ich bin öfters im Krankenhaus.

Dabei sollte ich mich aber nicht beschweren. Ich bin nahezu ohne gesundheitliche Probleme durch dieses Leben gewandert – abgesehen von den 3 Schusswunden im 2. WK. Bei meiner Rettungsaktion sind 3 meiner Kameraden ums Leben gekommen. Ich lag dort 6 Stunden – ehe ich gerettet wurde. Das Gesicht meiner gefallen Kameraden ist jedoch präsenter denn je.

Den 2. WK habe ich auch – abgesehen von meiner Verletzung – halbwegs gut umschifft. Als Hufschmied war ich stehts hinter den feindlichen Linien positioniert und war so gut wie nie an der Front. Eigentlich müsste ich sogar noch 3 Tage in ein Gefängnis, weil ich mich weigerte, Partisanen zu erschießen – ich denke aber, das ist verjährt.
Nach meinem Lazarettaufenthalt habe ich mich dann für die Westfront gemeldet und alsbald desertiert. Interssanteweise wurden die „Ergebungsflugbläter“, die man großräumig über Frankreich abgeworfen hatte, bereits 1941 gedruckt.

Nach dem Krieg habe ich ruhige 35 Jahre als Bauarbeiter, später als  Bauherr, an den verschiedensten Stellen der Republik gearbeitet und mein Leben genossen. 3 Kinder habe ich bekommen – eines ist mit knapp 40 an Krebs verstorben.

Jetzt bin ich schon über 30 Jahre in Rente.

92 Jahre bin ich nun auf dieser Erde und selbstverständlich fragt man sich da, was man in seinem Leben erreicht hat. Nun, eigentlich habe ich kein besonderes Leben geführt. Meine Kinder sind irgendwie erwachsen geworden. Mit meiner Ehefrau habe ich eher eine Zweckehe geführt und meine Arbeit war auch nur 0815.

Manchmal würde ich gerne mit Helmut Schmidt reden, der ist genauso alt wie ich, um mal zu sehen, ob sein Leben besser war als meins. Vermutlich nicht.

ADDENDUM: Dinge, die in meiner Lebenszeit geschehen sind.

– Der letzte Kaiser
– Aufstieg und Fall der größten Massenmörder  der Welt (Hitler, Stalin, Mao)
– Kommunismus
– 2 Deutschlands
– Internet
– Telefon
– Handy
– Fernseher
– Computer
– Mondlandung
– RAF
– Kalter Krieg
– Atombomben
-Aufbau und Zerfall Deutschlands
-Der längste Frieden in Europa

Ich glaube, mit diesem letzten Spiegelstrich kann ich aufhören.

War es das alles Wert? Wer weiß…  Ich gehe jetzt auf jeden Fall in mein Bett und hoffe, dass ich die Augen zum letzten Mal auf dieser Welt zu mache.

Danke Welt, für mein Leben.